tod und spiele... oder: der würfel ist gefallen

heute erzähle ich vom ableben der mutter meiner exe, großmutter meines sohnemanns. dies wird sehr persönlich und ich muss gestehen, dass mich dieser text, auch noch nach über drei jahren, nicht wirklich kalt lässt. wer soetwas also nicht lesen möchte, hat nun die möglichkeit noch rechtzeitig auszusteigen. 

 


noch da? nun denn:

vor einigen jahren wurde bei meiner damaligen schwiegermutter (ich nenne sie so obwohl ich nie verheiratet war) brustkrebs diagnostiziert. sie verlor eine brust, sie wurde wurde behandelt, und der krebs galt als besiegt. aufgrund dieser diagnose kam sie in frühpension, und nachdem diese geschichte vorbei war, war ihr nichts mehr anzusehen. sie ging sogar noch nebenbei in ihrem alten beruf arbeiten, bestieg nach wie vor ständig irgendwelche berge und genoss das leben.

dann  kam der krebs jedoch wieder. da ich bereits von meiner exe getrennt war, bekam ich diesmal die geschichte nicht mehr so hautnah mit wie beim ersten mal, ich sah jedoch wie sie immer mehr verfiel. anscheinend waren die behandlungen dieses mal radikaler, sie verlor ihre haare, und hatte seit dem ein chronisches lungenleiden. seit dieser zeit hörte ich sie auch nie mehr mit ihrer normalen stimme sprechen, sie war immer sehr atemlos und rauh. sie nahm sehr ab, bekam tiefe falten, und als sie dann wieder haare bekam, waren diese weiss. ich kannte sie nur mit dunklen haaren, wobei diese sicher gefärbt waren, aber trotzdem war es ein schock für mich. aus einer junggebliebenen agilen dame wurde innerhalb kurzer zeit eine zerbrechliche großmutter. doch auch dieses mal hieß es der krebs wäre besiegt. zumindest war es das was mir erzählt wurde. wie gesagt, ich hatte kaum mehr kontakt zu ihr.

wie man sich denken kann war dem wohl doch nicht so. sie kam dann doch immer wieder und immer öfter ins spital, und obwohl ich immer noch nicht wusste was denn wirklich los ist, hatte ich natürlich so meine ahnungen. ich sprach jedoch mit niemanden darüber, da ich wusste, dass es sowohl meine exe, als auch ihren vater nur belasten würde, wenn sie darüber reden müssten.

eines nachts rief mich dann plötzlich plötzlich der vater meiner exe an. seine frau war wieder im spital, was ich bereits wusste, was ich jedoch nicht wusste war, dass es offenbar sehr schlecht um sie bestellt war. sie hatte ihn angerufen und ihn gebeten zu kommen. nun, die beiden besitzen zwar ein kfz, jedoch hatte immer nur sie einen führerschein, er hatte ihn nie gemacht, da es ihm nie wichtig erschien. meistens benutzte sowieso meine exe dieses auto, doch auch sie konnte natürlich nicht den chauffeur für ihren vater spielen, denn sie wollte nicht unseren sohnemann nachts alleine zu hause lassen. der einzige erreichbare der restlichen verwandtschaft nahm die sache nicht so ernst und meinte es werde schon nichts sein, und er hätte weder zeit noch lust. also läutete nun mein telefon, und natürlich erklärte ich mich gerne bereit meinen ex-schwiegervater über 35 km weit in die landeshauptstadt zu seiner sterbenskranken frau zu bringen. ich finde es selbstverständlich so etwas zu tun. mich hatte zwar, ausser der tatsache, dass die beiden die eltern der frau die ich einmal geliebt hatte, und sie die großeltern meines geliebten sohnes sind, nie viel mit den beiden verbunden, zu verschieden sind und waren ansichten, meinungen, und lebensstil. und trotzdem waren wir immer füreinander da wenn es notwendig war. so auch dieses mal. obwohl ich zugeben muss, dass auch ich nicht wirklich glaubte, dass es mit meiner ex-schwiegermutter zu ende ging. ich hatte schon so oft gesehen wie sie sich wieder aufgerappelt hatte, warum sollte es nicht auch dieses mal so sein? jedoch wollte hier ein ehemann unbedingt zu seiner geliebten ehefrau, für ihn war es in diesem moment das wichtigste auf der welt, und ich alleine konnte ihm diesen wunsch erfüllen. so startete ich also um mitternacht los um ihm diesen gefallen zu tun, obwohl ich kaum noch benzin im tank hatte, keine autobahnvignette, und kaum mehr geld übrig. als mir mein ex-schwiegervater dann nach unserer rückkehr ein wenig geld aufdrängte, nahm ich es deshalb auch gerne an - und schämte mich nicht dafür.

nach einigen verwirrungen (versucht mal mitten in der nacht in einer klinik eine station und das richtige zimmer zu finden - ein abenteuer!) standen wir nun endlich neben dem krankenbett. ich bemerkte wie peinlich es ihr war dass ich sie so sah, ausgemergelt, krank, klein und schwach, ein häufchen elend, und noch dazu in diesem krankenhauskittel halb nackt, ich murmelte etwas von "euch alleine lassen", und verzog mich auf den krankenhausgang. ich hätte die beiden sowieso alleine gelassen, denn sogar nach diesem kurzen augenblick in dem ich sie sehen konnte, war mir klar, dass es möglicherweise das letzte mal war, dass sich die beiden sehen, da hatte ich dabei einfach nichts verloren. wie sich dann herausstellte hatte ich mit meiner einschätzung recht.

meine ex hatte sowieso für den nächsten tag einen besuch bei ihrer mutter geplant, bzw war geplant, dass ich am vormittag bei dem kleinen bin, während sie ihre mutter besucht, und wir dann, wenn sie zurückkommt, unseren traditionellen spielenachmittag durchziehen. jedoch noch bevor ich zu ihr losfuhr rief wieder ihr vater bei mir an. er hatte nachricht vom spital bekommen, dass es nun tatsächlich mit seiner frau zu ende geht, und er hätte mich gebraucht um ihn wieder ins spital zu bringen, doch leider konnte ich ihm diesen wunsch dieses mal nicht erfüllen, hatte ich doch meine babysitterpflichten. zum glück erklärte sich dann doch endlich auch mal ein anderer verwandter dazu bereit.

 als wir gerade mit dem federballspielen fertig waren kam dann der anruf meiner exe. sie bestätigte, dass es nun höchstwahrscheinlich so weit sei, und ich solle sohnemann fragen ob er sich noch von seiner großmutter verabschieden wolle. er war gerade dabei auf der wiese löwenzahnblätter für seine meerschweinchen einzusammeln, also wartete ich noch mit dieser nachricht. wir gingen zurück in die wohnung, und ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, versuchte keine tränen fließen zu lassen. es ging mir nicht um diese frau die im sterben lag, sondern darum, dass ich wusste, dass es meinen sohn sehr treffen würde, denn er liebte seine großmutter sehr. und auch alle tränen die ich dann an diesem tag vergoss (ja, auch mir passiert das hin und wieder) galten nicht jener todkranken frau, sondern einzig und allein der trauer meiner exe und meines sohnes. ich trauerte nicht um meine ex-schwiegermutter, es war gut dass sie es nun hinter sich hatte, wie ich an diesem tag dann erfuhr, war ihr körper schon total kaputt. ich fühlte aber mit meinem sohn und der ex. mir tat es einfach leid um die beiden.

wie man sich denken kann, brach mein armer sohn aufgrund der nachricht in tränen aus, wollte aber trotzdem ins spital zu seiner großmutter um sich verabschieden zu können. es ist schlimm sein kind weinen zu sehen, und so fuhr ich immer wieder mit tränen in den augen halb blind auf der autobahn nach innsbruck und wechselte mich mit meinem sohn dabei ab die mitgenommenen taschentücher zu verbrauchen.

am sterbett saßen bereits meine exe, ihr vater, und ein paar andere verwandte. ich muss zugeben, dass ich es nicht lange dort aushielt, und verzog mich wieder auf den gang. nach einer weile gesellte ich mich dann doch wieder dazu. irgendwann meinte mein sohn dann, er möchte jetzt wieder gehen, und ich bin stolz, dass er in diesem moment ganz einfach sagte was er wollte und nicht das tat was man eben tut um den konventionen zu entsprechen. es wäre auch sinnlos gewesen den ganzen nachmittag dort am bett einer sterbenden zu verbringen, ihr mann wich sowieso nicht von ihrer seite. also verabschiedete er sich von seiner großmutter, segnete sie noch, und dann gingen wir, zu dritt.

auf dem weg zum auto gab es dann so einen moment, in dem wir wieder so etwas wie eine kleine familie waren, als die beiden in tränen ausbrachen und wir uns auf offener strasse einfach umarmten und dann alle drei ein wenig trauerten. die beiden um großmutter und mutter, ich um die beiden. ob uns dabei jemand sah war uns in diesem moment einfach völlig egal.

zuhause angekommen ließen wir wieder normalität einkehren. es wurde gekocht, und dann gab es den spielenachmittag, währenddessen wir zwar alle nie vergaßen dass jederzeit der anruf kommen könnte, dass es nun vorbei sei, trotzdem genossen wir die ablenkung und hatten sogar spaß bei tschach und 2 partien carcassonne.

als ich dann abends bereits dabei war zu gehen, kam der erwartete und befürchtete anruf. wir hatten sie am vormittag bereits schlafend angetroffen, und sie wachte nie mehr auf. anscheinend ist sie lächelnd im schlaf gestorben. den umständen entsprechend der beste tod von allen möglichen, finde ich. nach dieser nachricht gab es wieder so einen familienmoment, den ich trotz der traurigen umstände sehr genoss. nicht dass ich wieder mit meiner ex zusammenkommen möchte, ganz und gar nicht, darum geht es auch überhaupt nicht, es war in diesem moment einfach so "normal". ich genoss die tatsache, dass wir in solchen momenten einfach füreinander da sein können, obwohl wir kein paar mehr sind, obwohl wir uns gegenseitig manchmal an die wand klatschen könnten. nennt mich eingebildet, aber ich bin stolz darauf dass soetwas zwischen uns möglich ist. ich wurde gebraucht und ich war da, als vater für meinen sohn, und als freund für meine ex. ich denke so sollte und so muss es sein.

 

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