springen

es gibt ja so einige knackpunkte im leben eines sohnemanns, die wesentlich dazu beitragen diesen vom knaben zum mann heranreifen zu lassen. das erste mal im stehen pinkeln zum beispiel, sich vom vater irgendwelche handwerklichen dinge zeigen lassen und mit ihm zusammen etwas dementsprechendes zusammenbauen, später dann liebesangelegenheiten, bzw. den umgang damit. viele dieser "ereignisse" haben einen äusserst männlichen touch, so ist es also gut und wichtig wenn ein vater vorhanden ist, der dann sohnemann mit rat und tat, mit motivation und gutem beispiel zur seite stehen kann. frauen können zum beispiel schlicht und einfach beim thema "im stehen punkeln" nicht mitreden.

mein vater hat jedoch leider in diesen dingen ein wenig versagt. ich weiss jetzt zwar nicht wie das mit der pinkelangelgenheit war, aber ich weiss zb dass er ziemlich viel selbst gebastelt hatte, sowohl handwerklich, als auch am auto. ich habe ihm oft zugesehen und auch durchaus geholfen, aber irgendwie hat er es verabsäumt mir essentielle dinge beizubringen. ich kann zb heute noch einen holzbohrer nicht von einem steinbohrer unterscheiden, und wenns ums kfz geht stehe ich sowieso meistens relativ blöd da.

 

aber es geht nicht nur mir so. meine exe erzählte mir zb immer, dass sie zwar sehr oft ihrer mutter beim kochen zugesehen hatte, und auch versuchte zu helfen, sie aber immer mit den worten "geh weg, du stehst im weg" verscheucht wurde. erklärt wurde ihr auch relativ wenig. also hatte sie nie richtig kochen gelernt, wobei ich sagen muss, dass sie dann als erwachsene ihre mutter kochtechnisch überflügelte. was also für das "mann werden" gilt, gilt ebenso fürs "frau werden". so konservativ das jetzt auch klingen mag, es ist tatsache. ich könnte einer tochter zwar theoretisches wissen über damenbinden bzw. tampons und die ursache für die notwendigkeit derer erzählen, aber die praktische erfahrung wird mir für immer versagt bleiben, so wie eben umgekehrt das pinkeln im stehen, oder von mir aus das rasieren des männlichen bartes, um mal vom pinkeln wegzukommen *g*.

irgendwann gab es im leben meines sohnemanns zb solch einen wichtigen knackpunkt von dem ich heute erzählen möchte. wir waren im schwimmbad, und irgendwann wollte er dann tatsächlich versuchen vom 3-meter-brett zu springen. alleine traute er sich nicht, und diverse versuche mit seiner mutter waren ebreits fehlgeschlagen, da diese sich ebenfalls noch nie in ihrem leben getraut hatte. da kam ich dann gerade recht *schluck*.

in jenem schwimmbad also, in dem wir an besagtem wochenende waren, gibt es einen großen sprungturm mit verschiedenen ebenen. mann kann aus verschiedenen höhen seiner angst direkt ins nasse chlorgeschwängerte hellblaue auge blicken. 3 meter, 5 meter, 7 meter und natürlich auch 10 meter gibt es im angebot. selbstverständlich ist dieses ungetüm nicht ununterbrochen begehbar, denn sonst würden sich die leute gegenseitig auf den kopf hüpfen. es gibt immer wieder phasen in denen der turm geöffnet wird, der bademeister gibt die verschiedenen ebenen einzeln frei und passt auf was passiert. ganz unten auf der 3-meter ebene tummeln sich die ganz kleinen, auf 5 meter schon größere und ein paar sehr mutige ganz kleine, auf 7 meter ist kaum was los, dort ist irgendwie eine art niemandsland und auf 10 meter stehen die todesmutigen jünglinge die der welt zeigen wollen was für prachtkerle sie doch sind. ok ok, da spricht ein wenig der neid. ich konnte mich zeit meines lebens nie dazu überwinden mich aus 10 meter höhe ins wasser zu stürzen, aber ich bin ja auch kein jüngling mehr, und mein prachtkörper kann nun mal nicht mehr mit jenen, meistens im fitnessstudio gestählten körpern (inzwischen ist das ja anscheinend normal dass man bereits als jugendlicher ins fitnessstudio geht), mithalten.

 es ist ja fast schon ein event wenn die springerei los geht, vor allem wenn die jungen helden sich aus 10 metern höhe runterstürzen. in der regel werden da nun keine großartigen kunststückchen aufgeführt, wer kann das schon wenn er nicht profi ist, es wäre ausserdem zu gefährlich. worum es hier meistens geht, ist die größte wasserbombe aller zeiten zu verursachen und somit das unten stehende puplikum und natürlich auch den bademeister gehörig einzuwässern. jeder springer bekommt applaus, alleine schon aus respekt vor den 10 metern freien fall, und ganz besonderen beifall gibt es für besonders tolle und gut gelungene wasserbomben. hin und wieder ein erschrecktes raunen wenn jemand ein wenig unglücklich auf der wasseroberflche aufschlägt - was durchaus hin und wieder vorkommt, einer der kandidaten hatt zb ganz sicher die woche nach seinem sprung keinen sex *grins*.

blöd ists wenn man auf der 3 meter ebene steht und wartet bis die schauspringerei endlich vorüber ist. erst ist einem kalt, weil man ja nass ist, dort im schatten der ebene die sich über einem befindet steht, und dort oben in luftigen höhen der wind geht, und dann mit der zeit ist man trocken, ein wenig aufgewärmt, und denkt nur daran dass da unten das schweinekalte wasser des sportbeckens auf einen wartet.

irgendwann wurde dann doch auch "unsere" ebene wieder freigegeben und die kleinen wuzzis stürzten sich wie die lemminge ins hellblaue nass. nur sohnemann nicht. also machten wir aus, dass ich zuerst springe, und er dann sofort nachkommt. ich schlug in gedanken 3 kreuze, denn von unten schauen zwar die 3 meter lächerlich aus, wenn man aber oben steht ist das schon wieder ganz was anderes, vor allem schaut man ja nicht aus 3 metern höhe nach unten, sondern eigentlich aus fast 5 metern, man muss ja die körperdistanz auch noch dazu zählen, und dann sprang ich. alles ging gut, nur sohnemann blieb oben und schaute verzweifelt. nix war mit sofortigem nachspringen.

aus dem wasserbecken geklettert, versuchte ich ihn von unten zu motivieren, während ich nebenbei ein paar bremsen erschlug die meinten ich solle zu ihrer mahlzeit beitragen, jedoch hörte sohnemann nicht auf verzweifelt zu schauen und deutete mir wieder nach oben zu kommen. inzwischen hatte sich eine lange schlange vor dem sprungturm gebildet und ich wollte nicht ewig anstehen, also versuchte ich weiterhin von unten den kleinen zum sprung zu motivieren. aber es half alles nichts. also stellte ich mich wieder an und stand dann ein wenig fröstelnd oben wieder meinem nachwuchs zur seite. als es dann endlich wieder so weit war, dass wir springen konnten, nahm ich ihn an der hand, natürlich nicht ohne es vorher mit ihm abgesprochen zu haben, und wir liefen gemeinsam los um von der höchsten klippe des grand canyon in den eisigen colorado river zu springen. 

Jetzt endlich weißt du,
dass deine Eltern nur dich zeugten,
damit du hier wie ein Vollidiot
fröstelnd und ohne Not

über allem stehst
und nicht vorwärts gehst,
und du weißt, dass dein Vater sich fragt:
„Wird er es bringen?“
und deine Mutter sagt „nein“
und aus endloser Menge erklingen ermunternde Rufe:
Jetzt musst du springen!

Jetzt endlich wird dir klar, was es wirklich heißt,
zu bereuen und dennoch den ganzen harten Preis
zahlen zu müssen, weil's kein Zurück mehr gibt,
was daran liegt,
was daran liegt,
dass du weißt, dass dein Vater sich fragt:
„Wird er das packen?“
und deine Mutter sagt „nein“
und aus endloser Menge erklingen ermunternde Rufe:
Jetzt musst du springen!

Jetzt endlich weißt du, was es heißt jung zu sein,
betrogen vom Augenschein an den Abgrund gehen,
halbnackt allein auf schwankenden Brettern stehen
und 'runtersehen, und 'runtersehen.
und du weißt, dass dein Vater jetzt sagt:
„Das sind nur drei Meter!“
und deine Mutter sagt „nein“
und aus endloser Menge erklingen die Rufe der Väter:

Jetzt musst du springen!

[element of crime - jetzt musst du springen]

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