viele kerzen für idschie

unterscheidet sich der schmerz oder die betroffenheit beim tod einer person die man nur virtuell kannte von jenem schmerz oder jener betroffenheit die man bei einer person empfindet die man im realen leben kannte? und wenn ja: inwiefern unterscheidet es sich?

 

was ich heute abend erlebt habe lässt mich zu dem schluss kommen, dass es im grunde keinen unterschied gibt. wir reden hier ja nicht von irgendwelchen figuren in computerspielen oder protagonisten aus filmen. nein, auch wenn der kontakt nur virtuell stattfand, so war die person zu der man kontakt hatte doch genau so real wie man selbst. 

 

einer meiner kreislinge auf google plus verstarb heute abend an den folgen eines schlaganfalls, den er vorher im laufe des tages erlitten hatte. ich hatte es erst gar nicht richtig mitbekommen, weil ich mit anderen dingen ziemlich beschäftigt war, ich las noch seinen namen und irgendwas mit "hirntod", dachte kurz daran, wie es nun mal eben meine art ist, meinen oberlehrer raushängen zu lassen und darauf hinzuweisen, dass es eigentlich "hirntot" heissen müsste, ließ es dann aber wieder, weil ich anderes zu tun hatte. zum glück, ich hätte mich sonst vermutlich ganz grausam blamiert. andererseits hätte es idschie sicher gefallen....

 

so war er nämlich, bzw. so erlebte ich ihn: keine angst vor echt tiefen gags, aber sehr wohl imstande eine feine klinge zu erkennen und auch selbst zu führen. ich mochte seinen humor sehr. und ich mochte seine momente in denen er so herrlich austicken konnte, weil er wieder mal mit der blödheit der restlichen menscheit zurechtkommen musste. diesbezüglich fand er immer die richtigen deftig gewürzten worte - und dies zurecht. vielleicht mochte ich ihn deshalb sehr, weil er mir darin ein wenig ähnlich war. nicht unbdingt in der art seiner formulierungen, sondern weil er sich wirklich herrlich über dinge aufregen konnte, wegen denen ich ebenso dezent ausgezuckt wäre.

 

wir hatten absolut kein inniges verhältnis. wir haben uns ausserhalb unserer threads, bzw der kommentare nie miteinander unterhalten. und doch hatte dieser kerl etwas an sich, das einem das gefühl gab, man wäre bei ihm willkommen. auch wenn man einfach nur scheisse kommentierte, er konnte das so drehen, dass man nicht ganz doof dastand.

 

wie gesagt, unser verhältnis war kein inniges, dennoch wird er mir sehr fehlen. und genau darum geht es hier eigentlich. 

 

vor 30 jahren wäre niemand auf die idee gekommen sich darüber zu wundern, wenn ein brieffreund verstorben wäre. es findet niemand seltsam, wenn leute die nie auch nur den geringsten kontakt zu irgendeinem star hatten, dessen tod aus tiefstem herzen bedauern und trauern. nicht wenige betrauern sogar die tode von roman- film- oder serienfiguren.

 

wir bewegen uns nun einmal vermehrt in virtuellen räumen. zusätzlich zu unseren stammlokalen und dem freundes- und bekanntenkreis aus dem real life, haben wir nun eben auch unsere virtuellen stammlokale mit virtuellen kontakten zu dennoch ganz realen menschen. nur  ist hier das bier billiger, es beschwert sich niemand wenn man raucht und man muss sich nicht aufbrezeln. zudem ist man extrem schnell dort - und genau so schnell auch wieder weg. und das allerbeste: leute die einem auf die eier gehen kann man einfach "abschalten" und leute die man interessant findet kann man beobachten ohne ihnen dabei auf die nerven zu gehen.

 

der unterschied zum realen leben ist im grunde nicht so groß. eigentlich auch nicht größer, als damals bei einführung des telefons der sprung vom gespräch von angesicht zu angesicht zum gespräch von mikrofon zu lautsprecher. und dementsprechend ist man dann auch betroffen und kann auch dementsprechend trauern.

 

ein sehr schönes statement zu diesem thema kam heute von einer mit-plusserin (so bezeichnen wir uns gerne mal untereinander auf google plus) und möchte dieses hier auch zitieren:


Ey ohne Scheiß, wo is'n das hier #Neuland , verdammt!
Das ist hier echter Schmerz! Nix anonym -
das ist verdammt nochmal echter Schmerz!
Da geht ein großer Kerl - den muss ich nich' persönlich kennen!
Mit dem hatt' ich sogar zickige Zeiten,
aber das hier ist so nah wie's "echte" Leben,
du blöde Kuh!
Guckt euch das doch an - Schmerz verdammt!!
Der lebt hier gerade weiter und du hinter'm Mond! 

(Stefanie Unger ) 

 

und ähnlich haben es auch andere zum ausdruck gebracht, wie zum beispiel hier:

 

Wir sind uns im Netz begegnet und es war alles vollkommen selbstverstaendlich fuer mich. Dein unverwechselbarer Humor hat mir immer ein laecheln in mein Gesicht gezaubert und der Tag war gerettet.
Doch nun weiss ich, so selbstverstandlich war es dann wohl doch nicht.
"Wir kommunizieren auf Plattformen und tun so, als wären wir gebildet. 
Wir schauen uns das auf Flachbildschirmen an und denken es wäre tiefgründig.
Wir agieren auf Touchscreens und tun so, als wären wir berührt.
Dabei sind wir einfach nur Benutzeroberflächlich."
Nein es war nicht oberflaechlich. Du hast mich beruehrt und dafuer danke ich Dir. 

(Kola Colman) 

 

manchmal werden ja auch virtuelle kontakte real - und umgekehrt:

 

Ich habe ihn in der Frankfurter Innenstadt getroffen. Drei Mal. Die ersten beiden Male mochte ich es nicht glauben. Es ist sicherlich Zufall, dass der Mann mit der Pfeife im Mund gerade in dem Moment ein Handy in der Hand hatte, als ich versuchte, das Portal umzufärben. Beim dritten Mal konnte es aber kein Zufall mehr sein. So habe ich ihn angesprochen und einen sehr netten Gegenspieler kennen gelernt. Wir haben ein wenig gefachsimpelt und sind dann unserer Wege gegangen. 

(Jens Frank) 

 

oder wie zb. hier:

 

2010. Er war mit einer Reisegruppe in München und so trafen wir uns in der Nähe des Deutschen Museums. Mit seiner Pfeife stand er vor dem Lokal und stellte als erstes fest, dass ich ja "noch ein ganz junger" sei.
Wir saßen eine ganze Weile zusammen und er erzählte von seinen Touren. Als er per Telefon zum Hofbräuhaus beordert wurde fragte er, ob ich denn Lust hätte, mich später weiter zu unterhalten.
So trafen wir uns eine halbe Stunde später in der Lobby seines Hotels und er erzählte von seiner Fahrschule und wie er anfangs panische Angst gehabt hat, dass seine Schüler was falsch machen. Dann habe er sich einen Tag lang angeschaut wie die Leute gefahren sind und festgestellt, dass sie alle an den gleichen Stellen ihre Fehler machten. Also habe er sich einen Lehrplan erstellt bei dem zwischen diesen Stellen genug Zeit war. Dazwischen hätte er eigentlich was anderes machen können, sich nicht konzentrieren müssen. Er nannte das die Delphinmethode: Aus dem Wasser raus, Fisch fangen, wieder rein und erst mal weiterschwimmen.
Als ich dann ging kam er noch mit raus und wir versuchten spontan (und erfolglos), das W-LAN seines Netbooks zum Laufen zu bringen. Weil er seine Pfeife zerbrochen hatte, musste er sie in der Mitte halten.
Das war vor zweieinhalb Jahren. Wir haben uns nicht wieder gesehen. Geblieben sind schöne Erinnerungen und ein undeutliches Bild von ihm vor seinem Bus.

(Dominik Mayer)

 

es gäbe noch einige beispiele mehr, aber am meisten hat mich heute berührt, wie aus einem hashtag und einem bild mit einer kerze plötzlich für einige kurze stunden ein virtuelles lichtermeer entstand. das war einer der momente in denen mir hemmungslos die tränen übers gesicht liefen. und gerade eben tun sie es wieder wo ich darüber schreibe. 

 

*schnief* *schneuz*

 

ok, geht wieder....

 

ein anderer tränenreicher moment war jener, in dem ein gestandener kerl sich nicht scheute seiner trauer dadurch ausdruck zu verleihen, indem er ein ungeschöntes bild von sich und seinem verheulten gesicht postete.

 

DAS alles ist leben! DAS alles ist trauer! DAS alles ist mitgefühl! scheissegal ob real oder virtuell, es ist MEIN/UNSER leben, MEINE/UNSERE trauer und MEIN/UNSER mitgefühl! 

 

machs gut idschie! und das loch das du hinterlässt ist sehr real! 

 

ehrlich gesagt wollte ich aus pietätsgründen erst mal noch ein weilchen warten um diesen blog zu schreiben, aber mal ehrlich, hätte idschie gewartet? sicher nicht! der hätte genau dann wenn ihn etwas bewegt alles relativ ungefilter sofort rausgeschossen. und genau so mache ich es jetzt auch.

 

*bamm* 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Frank G Kröner (Freitag, 21 Juni 2013 02:17)

    :( Ich werd dich vermissen Idschie... :(