von früher

ich war, glaube ich, 11 jahre jung, als ich das erste mal dachte, ich wäre verliebt. aber ich hatte ja keine ahnung und verwechselte das vermissen einer freundin mit etwas, das ich nur vom hörensagen her kannte. wir waren vom tiefsten bayerischen land nach stuttgart in die stadt gezogen, genauer gesagt, in einen vorort. alles war anders und neu, sogar die sprache war irgendwie eine andere. ich vermisste also mein altes leben, meine freunde, die sprache, einfach alles und wollte es wieder haben. als dann auch noch kurz hintereinander 2 geschwister geboren wurden, kam zu diesem gefühl des verloren seins auch noch eine einsamkeit dazu, denn nun war nicht mehr ich das wichtigste kind.

nach nicht einmal 3 jahren, als ich neue freunde hatte und mich an all das neue, auch an die sprache gewöhnt hatte, zogen wir wieder um. diesmal von stuttgart nach tirol. und dieses mal war es noch schlimmer. hier war ich noch mehr alien als ich es in stuttgart jemals hätte sein können. natürlich hatte ich zunächst einmal diesen seltsamen schwäbischen dialekt, doch glücklicherweise hatte ich imemr schon ein talent für sprache, das bayerische hatte ich sowieso nie ganz verlernt, also brauchte ich nur schwäbisch und bayrisch miteinander zu vermischen, dazu ein wenig auf regionale besonderheiten achten, und schon unterschied ich mich nach 3 monaten sprachlich kaum mehr von "echten" triolern. aber das war ja noch nicht alles. es gab noch so vieles anderes das total anders war als ich es gelernt hatte, bzw. gewohnt war.

zunächst einmal benutzte ich keine ordinäre schultasche, sondern hatte einen aktenkoffer, und wurde deshalb von meinen neuen mitschülern und lehrern seltsam angesehen, denn hier hatten die meisten diese damals üblichen schulcontainer von scout. die aktenkoffer waren damals draussen in stuttgart gerade mode unter uns schülern. und es war pflicht sie so dicht wie möglich mit aufklebern zu bepflastern. dieser aktenkoffer begleitete mich übrigens noch sehr lange durch mein leben, so lange, bis er endgültig seinen geist aufgab.

 

doch was war natürlich noch nicht alles. plötzlich musste ich in der schule hausschuhe tragen, was natürlich rückblickend gesehen eine gute entscheidung war, und in der großen pause durfte man nicht nach draussen. logisch, wir hatten ja alle nur hausschuhe an, doch ich wäre gerne mal 5 minuten rausgegangen, ging aber nicht. es gab nur mehr 5 statt 6 schulnoten und man sprach die lehrer nicht mehr mit ihrem namen an, sondern sie hießen alle herr oder frau fachlehrer. das "Q" hieß plötzlich nicht mehr "kuh", sondern "queh" und das "J" nicht mehr "jott", sondern "jeh", die kassE hieß auf einmal kassA und der januar plötzlich jänner. andere kleinigkeiten wie erdäpfel statt kartoffeln, karfiol statt blumekohl, fisolen statt bohnen, schlag statt sahne und ähnliches war ich ja bereits durch meine österreichische verwandtschaft gewohnt. es gab schulmilch einen monat im voraus zu bestellen anstatt in der pause gebäck zu kaufen und ich wurde jeden monat mit einer seltsamen zeitschrift namens "jung österreich", zwar gratis aber dennoch unfreiwillig, beglückt. süßes gebäck hieß nun mehlspeise und die strassenmarkierungen waren gelb statt weiss. witzigerweise hatte ich so als eigentlich deutscher in österreich viel mehr das gefühl in naziland zu leben, als es umgekehrt jemals der fall sein hätte können. aber so war mir das damals nicht bewusst, ich wusste nur dass ich nun komplett fehl am platz bin.

 trotz allem fand ich auch hier wieder neue freunde, meine brüder wuchsen ohne dem bewusstsein eigentlich nicht hierher zu gehören auf, und die schule ging auch irgendwann vorbei. und schon verlor ich wieder die meisten meiner freunde, man verlor sich irgendwie langsam aus den augen, man wurde auseinandergerissen, einfach nur durch die wahl der weiteren fortbildungen. die einen gingen htl, manche ins gymnasium, andere fingen eine lehre an und ich konnte mich nicht entscheiden, also legte ich ein nachdenkjahr im polytechnikum ein. schon wieder neue klassenkameraden, neue lehrer, neue schule, zudem neue fächer. und ich depp wählte fächer die sonst fast nur von mädchen gewählt wurden und separierte mich ein weiteres mal von allen anderen. warum ich unbedingt kochen als wahlfach nehmen musste, ist mir heute noch ein rätsel. ich tat mir irrsinnig schwer, denn die mädchen wussten und konnten bereits alles, es wurde auch vorausgesetzt dass man all dies könne, trotzdem war es ein wahlfach, für jeden offen, also wählte ich es, denn die "männlichen" basteleien im werkunterricht gingen mir auf die nerven. gelernt habe ich überhaupt nichts, ausser vielleicht den brandteig denn an diesen kann ich mich seltsamerweise immer noch erinnern. 

 in dieser zeit zog es mein vater vor die familie alleine zu lassen und die woche über über in wien zu arbeiten. nun gut, er hatte keine andere wahl, dies war teil der firmenpolitik. leitende mitarbeiter mussten österreichweit intern "bäumchen wechsle dich" spielen und wurden in andere bundesländer versetzt. schlussendlich war diese abwesenheit einer der gründe für die scheidung der eltern die ein paar jahre darauf folgte. ich möchte mal wissen wie viele ehen bzw familien diese völlig bescheuerte idee dieser firma noch auf dem gewissen hat. naja, man kann es nicht nur darauf schieben, aber ohne dieser firmenbefohlenen zwangsumsiedlung wäre sicher vieles ganz anders verlaufen. ich möchte auch nicht mein eigenes damaliges verhalten auf diesen umstand schieben, trotzdem bin ich mir sicher, dass diese de-facto-abwesenheit des vaters ein wesentlicher mosaikstein in den ursachen meines jetzigen lebens darstellt. 

 tja, so trudelte ich irgendwie durch mein junges leben, und wusste nie wirklich was ich wollte. ich fing schulen, bzw. ausbildungen an und brach sie wieder ab. damals hatte das ja noch keine großen auswirkungen für mich, also war mir auch nicht bewusst was ich da eigentlich tat. mein freundekreis ging ja auch in irgendwelche höhere schulen, oder befand sich in einer lehrlingsausbildung, hatte ebenso wie ich kein geld, und man traf sich, so wie immer, bei freunden oder am brunnen am hauptplatz. wir machten parties wenn jemand geburtstag hatte, im sommer hatten die meisten von uns ferien, und wir lagen im schwimmbad herum und im winter baggerten wir jungs die engländerinnen und französinnen, die mit der klasse auf schischulwoche waren (oder eben der englischen bzw. französischen entsprechung davon) an.

 irgendwann mussten wir jungs, die wir angeblich inzwischen zu männern herangewachsen waren, zum militär. so dünnte sich immer mehr das was einmal eine clique war aus, sei es wegen militär, oder es gab plötzlich pärchen, bzw jemand hatte jemand anderen gefunden und beschäftigte sich lieber mit jenem, anstatt mit uns, und nach und nach verschwanden einzelne akteure. und irgendwann war auch ich an der reihe und musste zum militär um meinen präsenzdienst abzuleisten. ich war es ja inzwischen gewohnt fehl am platz zu sein und mich wie ein alien zu fühlen, doch was mir dort begegnete überstieg mein fassungsvermögen. nun, gerade das militär wäre ein dankbares thema, aber das würde den rahmen hier sprengen. irgendwo habe ich noch tagebücher aus dieser zeit, vielleicht arbeite ich diese ja irgendwann mal auf...

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