brief an mein altes ich

anmerkung: diesen text schrieb ich schon vor langer zeit, ich bin nur heute wieder mal darüber gestolpert und dachte mir, dass ich ihn hier vorstellen sollte. 

 

servus du, mein altes ich...

heute habe ich dich nach langer zeit mal wieder besucht. das heisst, ich habe dich natürlich nicht besucht, aber ich war dir ganz sicher sehr nahe. ich bilde mir ein, ich hätte dich gesehen, dort unter der autobahnbrücke, am bach.

es war ja eigentlich garnicht von mir geplant dich zu besuchen. ich stieg ins auto um eine kleine erledigung zu machen, und da lief auf einmal im radio diese großartige liveversion von "i still haven't found what i'm looking for" von "u2" aus dem doppelalbum "rattle and hum". ja, damals gab es noch soetwas wie doppelalben. erinnerst du dich daran? das album kam zu jener zeit auf den markt als wir beide an einem scheideweg standen, nur war es uns damals nicht bewusst. ich musste zum militär, ich lernte die spätere mutter meines kindes kennen, schule war im grunde endgültig vorbei, und aus der wohnung in der wir unsere jugend verbrachten mussten wir dann auch bald ausziehen. zudem gab es auch noch die scheidung deiner eltern, die sie seltsamerweise vor uns allen geheim hielten. ich ging und wurde zu jemand anderen, doch du bliebst immer dort. du wusstest damals, und weisst auch heute noch nichts von verantwortung für ein kind haben, von den schwierigkeiten einer jobsuche, von kreditraten die zu zahlen sind, und all den anderen dingen mit denen man sich als eigenverantwortlicher erwachsener so herumschlagen muss.

jedenfalls, ich hörte den song, und musste an dich denken. zudem regnete es bereits den ganzen tag, und ich weiss ja wie gerne du regenwetter magst. du hast dich immer schon genau entgegengesetzt zur masse verhalten, wenn die sonne schien und alle anderen rausgingen, bliebst du lieber zuhause, vor dem fernseher oder im zimmer, oder du warst mit deinen jungs im legendären "club" um im dieser dunklen verrauchten bude musik zu hören, und wenn es regnete trieb es dich nach draussen. wahrscheinlich deshalb, weil dann kaum jemand unterwegs war, weil du dich einfach alleine irgendwohin setzten konntest um deinen gedanken nachzuhängen. so bestand kaum die gefahr, dass jemand vorbeikommen und versuchen würde dich aus falscher freundlichkeit in ein gespräch zu verwickeln, welches dich und meistens auch den anderen im grunde eh nicht interessierte. so saßest du also oft auf einer bank unter einem baum im regen, oder irgendwo am ufer des inns, und sahst den regentropfen zu, lauschtest auf das geräusch des fallenden regens und auf die stimme deines inneren ichs. und als du offiziell noch nicht rauchen durftest nutztest du diese zeiten um eben genau dies zu tun: heimlich zu rauchen. damals reichte eine schachtel zigartetten oft noch für eine ganze woche, doch das sollte sich bald ändern.

nun, ich ahnte, dass ich dich heute draussen irgendwo finden würde, also fuhr ich einfach drauflos. eigentlich wollte ich garnicht bis zu dir fahren, doch der ort an dem ich stehenbleiben und im auto selbst dem regen auf dem blechdach und meinem inneren ich zuhören wollte, war durch einen reisebus und einem zerlegten baum besetzt. dem hatte wohl der gestrige sturm den rest gegeben. dem baum, nicht dem buss. also fuhr ich einfach weiter, obwohl genau dies unter anderem auch die faszination am regenwetter für dich ausmachte, die macht der natur, die meistens sanfte, manchmal jedoch sehr starke gewalt der natur, bog dann an jener stelle, die deinem vater, bzw seinem auto vor vielen jahren zum schicksal wurde links ab, wich ein paar unerschrockenen hundebesitzern aus, und fuhr die alte strasse entlang. erinnerst du dich? dort haben mir manchmal das autofahren geübt, mit diesem froschgrünen c-kadett. dann gings vorbei am neu erbauten recyclinghof, den es damals zu "unseren" zeiten noch nicht gab, und bald schon wäre ich fast vor dem haus gewesen in dem wir damals wohnten. doch ich bog vorher links richtung bahnhof ab. auch hier hat sich so einiges verändert. es wurden neue häuser gebaut, neue familien sind eingezogen, neue autos stehen vor den häusern und auf der strasse. und schon kam die nächste überraschung, denn dort wo sich früher nur luft und wiese befand stehen nun ebenfalls neue mehrfamilienhäuser. dass die schöne alte fabrik abgerissen wurde, wusste ich ja bereits. aber mensch, hey, solche dinge musst du mir sagen! ich war ziemlich schockiert, ehrlich. oder ich besuche dich einfach öfter, damit ich immer auf dem neuesten stand bin.

jedenfalls bog ich vor diesen häusern ein weiteres mal nach links ab, zur unterführung bei den schienen, jene unterführung wo man mit dem auspufftopf auf dem asphalt aufsitzt wenn man mit zu viel schwung durchfährt *grins* ja, auch das haben wir des öfteren getan, absichtlich. gleich danach gings wieder rechts ab, rüber zu der kleinen holzbrücke, nach der man nach links einbiegen konnte um sich unter die autobahn zu stellen, doch das geht heute nicht mehr. alles neu, alles anders. aber wie ich eingangs bereits schrieb, ich bilde mir ein, dich dennoch dort gesehen zu haben. gegrüßt habe ich mal vorsichtshalber.

aber vielleicht bist du heute auch auf der bank gesessen die sich ein stück oberhalb des dorfes befindet, unter einem großen laubbaum. doch dort wollte ich heute nicht hin. ich wollte nicht erst parkplatz beim gasthaus suchen, dann noch die steile strasse raufkeuchen, um dann draufzukommen, dass du eh nicht dort bist. zudem weiss ich ja, dass die alte holzbrücke am eingang der klamm nicht mehr begehbar ist, somit also diese kleine rundwanderung (naja, eher kleiner rundspaziergang) nicht mehr möglich ist. und da ich weiss, dass du es nicht leiden kannst, den selben weg, den du gekommen bist wieder zurückzugehen, es also lieber hast irgendwelche runden zu gehen, nahm ich sowieso an, dass du nicht dort zu finden wärst.

gesehen habe ich dich ja trotzdem, nicht nur unter der autobahnbrücke, auch am brunnen vor der raika, oder auf diesem eigentlich kaum begehbaren weg neben dem gießenbach. das würde dir nämlich wieder mal ähnlich sehen, dich bei regen in hüfthohem gestrüpp herumzutreiben, um dann patschnass und verdreckt nach hause zu kommen.

nun denn, es hat mich gefreut, auch wenn wir uns heute nicht wirklich getroffen haben. vielleicht erwische ich dich doch mal irgendwann irgendwo. sicher nur bei regenwetter und dort wo sonst niemand hingeht. dann setze ich mich neben dich und wir schweigen gemeinsam von alten zeiten. ok? machen wir das so? ich bring auch zigaretten mit.

ich umarme dich herzlichst (ach nein, ich hatte vergessen dass du das ja nicht magst)

dein
heutiges ich

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Kommentare: 1
  • #1

    jacky (Donnerstag, 24 Januar 2013 16:34)

    sooooo cool! ich mag das, ganz ehrlich!